Wissenschaftliche Psychosomatik und Astrologische Psychologie

Wolfhard König

Überarbeitete Fassung eines Vortrages, gehalten am Weltkongreß Astrologie 1996 in Luzern


1. Wissenschaftliche Psychosomatik

Der Begriff Psychosomatik wird heute in der Öffentlichkeit in mindestens vier verschiedenen Bedeutungen gebraucht.

A. Die allgemeinste Bedeutung meint die ständige Wechselwirkung zwischen Psyche und Soma bzw. zwischen dem emotionalen und affektiven Bereich einerseits und den Reaktionen des Körpers andererseits. Wir wissen heute, daß jede emotionale oder Gefühlsbewegung sich unmittelbar in der Veränderung sog. körperlicher Parameter niederschlägt: der elektrische Hautwiderstand erhöht oder verringert sich, die Pulsfrequenz ändert sich, der Atemrhythmus wird anders (der Atem stockt oder wird schneller), der Muskeltonus verändert sich etc. Am beeindruckendsten ist die Veränderung der elektrischen Tätigkeit im Gehirn, wie sie über EEG-Meßmethoden nachgewiesen werden kann. Viele dieser körperlichen Parameter können heute genau gemessen werden: So kann über die Beobachtung dieser körperlichen Reaktionen jede seelische, emotionale Regung bemerkt werden, die sich im Inneren eines Menschen abspielt. Würde der Referent eines Vortrages z.B. die EEG-Kurven der Zuhörer auf einem Monitor aufgezeichnet sehen, so würde er jeden Teilnehmer, der sich langweilt und vor sich hinzudösen beginnt, sofort identifizieren können, auch wenn dieser (wie seinerzeit in der Schule geübt) dabei einen interessierten Gesichtsausdruck zu machen versucht: Das Absinken seiner EEG-Frequenz in tiefere Bereiche würde ihn verraten.
Allerdings kann von der Veränderung der physiologischen Parameter nicht auf den Inhalt einer Emotion geschlossen werden, sondern nur darauf , daß Erregung oder seelische Bewegung vorliegt. Deshalb hat sich auch die auf dieser körperlich-seelischen Wechselwirkung basierende Methode des Lügendetektors nicht durchgesetzt: Es läßt sich im allgemeinen nur sagen, daß der Befragte sich über die gestellten Fragen aufregt. Ob er dies tut, weil er die Fragen für unverschämt hält oder weil er lügt, ist nicht so leicht zu entscheiden.

B. Die zweite Bedeutung von Psychosomatik bezieht sich darauf, daß bei jeder Art von Krankheit die seelische Verfassung des Menschen eine Rolle spielt. Selbst der gewöhnliche Schnupfen ("Ich erkälte mich") hat nur eine Chance, wenn das Immunsystem entsprechend geschwächt ist, z.B. durch Stress. Dabei kann der Stress aus Arbeitsüberlastung ebenso resultieren wie aus seelischen Konflikten. Viren, mit denen wir uns infizieren können, sind immer vorhanden, und wir nehmen auch ständig Viren in unseren Organismus auf, die meist von unserer Immunabwehr wieder eliminiert werden. Nur wenn letztere geschwächt ist, kann jeder gewöhnliche Virus uns krank machen.
In diesem Sinne ist eigentlich jede Krankheit multifaktoriell, d.h. durch mehrere Faktoren bedingt: zum einen immer durch die seelische Situation des Menschen, zum anderen durch Viren, falsche Ernährung, Umweltbelastung, erbliche Faktoren etc.

C. Im esoterischen Bereich hat sich indes eine viel weitergehende Auffassung durchgesetzt: Daß bei jeder Erkrankung nicht nur unspezifisch seelische Faktoren mitwirken (Stress, Immunsystemschwächung etc.), sondern ausnahmslos bei jeder Erkrankung ein psychisch-geistiger Sinn anzunehmen ist, daß also jede Krankheit im Sinne einer Aufgabenstellung, einer Lernaufgabe, ein Stück Entwicklungsweg enthält. Die Aufgabenstellung wird dabei im allgemeinen durch eine (oft recht einfache) symbolische Deutung der Erkrankung gewonnen.
(Daß dies bei komplexen psychosomatischen Erkrankungen wie sekundären Ausdruckserkrankungen oder dem Funktionellen Syndrom problematisch sein kann, sei hier nur am Rande angemerkt. Im Rahmen dieses Artikels läßt sich darauf nicht ausführlich eingehen. In der Literatur s. z.B. W. Loch: Psychosomatik)

D. In der wissenschaftlichen Psychosomatik hat sich inzwischen ein anderer Begriff durchgesetzt: Nur wenn bei Erkrankungen regelmäßig ein bestimmter seelischer Grundkonflikt festgestellt werden kann, spricht man von einer psychosomatischen Erkrankung oder Psychosomatose. Das bedeutet, daß z.B. bei allen Ulcus-Patienten (Magengeschwür), ob alt oder jung, ob in Europa oder Amerika untersucht, ob weiblich oder männlich, immer ein und derselbe ungelöste Grundkonflikt festgestellt werden kann, wenn auch natürlich in individuellen Variationen. Wir können also bei den Psychosomatosen immer von einem schweren Trauma ausgehen, das zu einem im Leben dieses Patienten bisher unlösbaren Konflikt geführt hat. Dieser Konflikt muß deshalb über Abwehrmechanismen abgewehrt werden, und wegen des schweren Traumas greift das Unbewußte zum massiven Abwehrmechanismus der Somatisierung. Der Konflikt ist also völlig unbewußt, in sehr tiefe Schichten des Unbewußten abgedrängt, und nur noch über die archaische Sprache des Körpers auszudrücken. Nur noch die Krankheit kündet in ihren Symptomen vom unbewußten, ungelösten Konflikt, der schwelt.
Wir werden einen solchen Grundkonflikt später am Beispiel des Ulcus beschreiben.
In diesem Sinne kann dann aber z.B. Krebs nicht pauschal als psychosomatische Erkrankung beschrieben werden. Der ungelöste Grundkonflikt, die Psychodynamik die zugrunde liegt, ist z.B. beim Brustkrebs der Frau völlig anders, als beim Magenkrebs des Mannes. Also gibt es für Krebs kaum einen einheitlichen Grundkonflikt für alle Krebsarten, es muß eine Unterteilung in einzelne Krebsarten vorgenommen werden. Die gemeinsamen Persönlichkeitszüge bei allen Krebsarten sind nur sehr allgemeiner Art: z.B. eine ausgeprägte Hemmung im Umgang mit Triebimpulsen (Aggression und Sexualität) oder ein sehr starkes Harmoniebedürfnis und entsprechende Anpassungsbereitschaft. Eine wirklich brauchbare Psychodynamik der einzelnen Erkrankung läßt sich da nicht ableiten.


2. Systematik psychosomatischer Erkrankungen

Zunächst gibt es die schon seit Jahrzehnten bekannten psychosomatischen Erkrankungen, die sog. Psychosomatosen, bei denen ein psychischer Grundkonflikt klar beschrieben werden kann. Entsprechende psychotherapeutische Möglichkeiten wurden erarbeitet, um Hilfe zu leisten.
Sinnigerweise kam man auf die Idee, diese Psychosomatosen die "Holy Seven" zu nennen, da es sieben an der Zahl sind. Es handelt sich dabei um:

1) Ulcus (Magengeschwür)
2) Asthma
3) Rheuma
4) Neurodermitis (Hauterkrankung)
5) Essentielle Hypertonie (Bluthochdruck)
6) Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion)
7) Colitis ulcerosa (heute auch noch Morbus crohn) (spezielle Durchfallerkrankungen)

Heute kommen allerdings noch weitere wesentliche psychosomatische Erkrankungen hinzu, die einen genauso wissenschaftlich gesicherten Status haben, die Holy Seven also ergänzen. Es sind dies:

1) Anorexia nervosa (Magersucht)
2) Bulimie (Freßsucht)
3) Adipositas (Fettsucht)
4) Migräne
5) Angina pectoris (Herzerkrankung)
6) Herzneurose

Auch hier lassen sich inzwischen sehr spezifische unbewußte Konfliktlagen als psychische Ursachen erkennen.

Darüber hinaus gibt es noch wesentliche Forschungsbereiche, in denen spezifische Erkrankungen in Untersuchung sind. Es sind dies:

1) Der Bereich Krebs
Hier handelt es sich nicht um eine einzelne Erkrankung, sondern um viele in ihrer Bedeutung völlig verschiedene Erkrankungen (s.o.). Für einzelne Krebsarten, z.B. das Mammakarzinom bei Frauen sind aber schon überzeugende psychodynamische Konfliktlagen erarbeitet worden.

2) Allergologie
Obwohl Mediziner auf diesem Gebiet immer mehr auf die (möglichst alleinige) erbliche Verursachung verweisen, ergibt sich bei der tiefenpsychologischen Untersuchung immer wieder ein Grundkonflikt im Bereich Angst/Panik/ aggressive Überreaktion in zwischenmenschlichen Beziehungen, wobei der Grundkonflikt auf ein Allergen (z.B. Blütenpollen etc.) "verschoben" wird. "Allergisch" ist der Erkrankte aber meist auf Konflikte im zwischenmenschlichen Bereich, bes. im Gegensatzfeld von Bindungswünschen und Autonomiestreben.

3)Immunologie
Daß bei einer großen Zahl von Erkrankungen die Funktion des Immunsystems von ausschlaggebender Bedeutung ist, kann als unbestritten gelten und ebenso, daß das Immunsystem sehr stark mit psychischen Faktoren in Wechselwirkung steht.
Der Schutz des Körpers vor eindringenden Fremdkörpern (fremdes Eiweiß, Viren etc.) ist der Sinn der Immunreaktion. Auch im psychischen Bereich, wenn er hier in Wechselwirkung steht, mag es deshalb um Abgrenzung gegen "Fremdeinflüsse", Beeinflussungen, seelische Abhängigkeiten gehen.

Genauere Forschungen und Klärungen auf diesen Gebieten stehen noch aus. Deutungen sollten hier also mit Vorsicht behandelt werden.


4. Psychodynamisches Denken und Astrologie

Der Ansatz, den wir hier vertreten, geht davon aus, daß sich die wissenschaftlich gesicherten Ergebnisse der Psychosomatik für die Astrologie verwerten lassen.
Wenn den Psychosomatosen jeweils ein spezifischer Grundkonflikt, eine bestimmte Psychodynamik zugeordnet werden kann, so kann diese in die Astrologie, in das Horoskop übertragen werden.

Unsere Grundannahme ist ja, daß sich die psychische Bauart, die Grundkonflikte, eben die Psychodynamik eines Menschen im Horoskop spiegelt. Und die Erfahrung mit der astrologischen Psychologie hat gezeigt, daß sich die seelischen Grundkonflikte des Menschen besonders in den Stellungen der Planeten und ihren Aspektfiguren abbilden.
So läßt sich jedem Grundkonflikt, der einer psychosomatischen Erkrankung zugrunde liegt, eine komplexe Konstellation von Planeten in ihrer Zusammenschaltung durch Aspekte zuordnen. Die dynamische Wechselwirkung der Planeten in ihrem Aspektgefüge entspricht der vorliegenden Psychodynamik.
Die Wechselwirkung ist gegenseitig. Durch sorgfältige Erstellung einer Anamnese, d.h. der Lebensgeschichte des Patienten, lassen sich die wesentliche Grundkonflikte herausarbeiten. Dies geschieht z.B. in den Vorgesprächen zu jeder Psychoanalyse (da z.B. in Deutschland ein Antrag für den Gutachter der Krankenkasse zu erstellen ist, der die zentralen Grundkonflikte beschreiben muß). Diese Grundkonflikte lassen sich in der Symbolsprache des Horoskops wiederfinden.
Umgekehrt: Wenn im Horoskop, in den komplexen Konstellationen der Planeten bestimmte Grundkonflike angezeigt sind, z.B. durch Oppositionen, Leistungsdreiecke etc., zeigt sich, daß sich diese Psychodynamik in der Lebensgeschichte des Pat. wiederfindet, sich in seinen Symptomen, Krankheiten etc. zeigt.
Eine Opposition Neptun am MC zu Saturn am IC im Horoskop zeigt sich z.B. einerseits in einer grundsätzlichen Neigung zu Höhenflügen, zu großen Vorhaben und Idealen, Utopien im Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen. Andererseits aber in einer Empfindlichkeit und Kränkbarkeit bei Mißerfolgen, Kritik, Nichtbeachtung etc., die einen "depressiven Absturz" aus den Höhenflügen zur Folge haben können. Wir können beim betreffenden Menschen hier mit dem Symptom Depression und einer zugrundeliegenden Psychodynamik zwischen Höhenflügen (und eventuelle Täuschungen über Beziehungen) und depressiven Phasen mit Lähmungs- und Leeregefühlen zu tun haben.
Umgekehrt habe ich lange Jahre beobachten können, wie sich Grundkonflikte von Menschen, wie sie sich in Analysen zeigen, im Horoskop spiegeln. In einer Langzeittherapie erfährt man sowohl die Lebensgeschichte, die Symptome und Krankheiten, als auch die Lösungen und Entwicklungen eines Menschen. Um den Zusammenahang zwischen Psychodynamik und Entwicklung eines Menschen einerseits und der Spiegelung in der Symbolik des Horoskops andererseits zu studieren, habe ich viele Analysen ohne jede Kenntnis des Horoskops durchgeführt und mir die Daten erst nach Abschluß der Analyse geben lassen (um "unbeeinflußt" zu sein). Immer wieder war ich erstaunt, wie klar sich die in der Analyse herausgearbeiteten Grundkonflikte im Horoskop spiegeln.
Bei der Thematik sexueller Übergriffe etwa fanden sich im Horoskop immer Spannungsaspekte zwischen Venus einerseits und Uranus (plötzlicher Übergriff) und/oder Pluto (höhere Gewalt) andererseits.
Oder bei Pat. mit Suchtproblemen fanden sich immer starke Stellungen von Mond und Neptun (Liebes-Sehnsucht) und schwache Stellungen der Hauplaneten (Sonne, Saturn, Mond - Steuerungsschwäche).
Diese zwei Beispiele mögen in aller Kürze den Zusammenhang illustrieren.
Wenn dieser Zusammenhang zwischen der seelischen Struktur eines Menschen und deren symbolischen Ausdruck im Horoskop richtig ist, so lassen sich alle wesentlichen Erkenntnisse der modernen Tiefenpsychologie über Grundkonflikte des Menschen in die Symbolsprache des Horoskops übersetzen und bereichernd für die Astrologie verwenden. Dies gilt dann nicht nur für den Bereich der Psychosomatik, sondern auch für Konfliktthemen wie Angst, Depression, Sucht, Persönlichkeitsstörungen (narzißtische- und Borderline-Störung), Zwang, Hysterie und sogar den Bereich der Psychosen (Über alle diese Themen fanden oder finden entsprechende Weiterbildungsseminare über API-International statt).


4. Psychosomatisches Beispiel: Ulcus

Daß sich die Zusammensetzung des Magensaftes abhängig vom emotionalen Zustand des Menschen ändert, ist schon länger, z.B. aus Tierexperimenten, bekannt.
Entscheidend waren aber die Forschungen von Minsky (1961, USA), die später z.B. von Prof. Zander in München wiederholt wurden. Eine in den Magen eingeführte Sonde maß die Zusammensetzung und Stärke der Magensaftsekretion. Wurden die Testpersonen starken emotionalen Belastungen (z.B. Stress) ausgesetzt, so änderten sich Zusammensetzung und Stärke der Sekretion. Aber sie änderten sich insgesamt doch nicht so stark, daß die Entstehung eines Magengeschwüres nachvollzogen werden konnte. Die entscheidende Idee von Minsky war nun, die Testpersonen auf unbewußte Emotionen anzusprechen.
Betrachten wir das Beispiel einer jungen Mannes von 24 Jahren, der sehr schizoid und gefühlskalt wirkt. Er hat mit ca. vier Jahren bei einem Autounfall beide Eltern verloren. Der Schock war so groß, daß jede Auseinandersetzung mit dem Verlust oder Trauerreaktion unterblieb, zumal er bei der Verlustverarbeitung keinerlei Hilfe erhielt. Der emotionale Schmerz des Verlustes war damit aber nicht ausgelöscht, sondern nur aus dem Bewußtsein, aus der Erinnerung getilgt. Wurde er nun auf Schmerz und Trauer über den damaligen Verlust angesprochen, verneinte er im Bewußtsein so etwas zu spüren. Gleichzeitig aber meldete die Magensonde dramatische Veränderungen in Stärke und Zusammensetzung des Magensaftes: die Sekretion nahm zu und der Anteil von Hcl (Salzsäure) erhöhte sich. Genau dies aber führt auf die Dauer zur Zersetzung der Magenschleimhaut, erzeugt Geschwüre sogar durch die Schleimhaut hindurch bis zur Schicht der Muskeln.
So hatte sich also bestätigt, daß es vor allem die unbewußten Emotionen sind, die im somatischen Bereich Schaden anrichten können. Eine Grundposition der Tiefenpsychologie war damit bestätigt: Wenn die Emotion bzw. das Leiden bewußt oder wenigstens zum Teil bewußt sind, ist eine Krankheits- oder Symptombildung wenig wahrscheinlich. Wie schon E. Neumann schrieb, beugt das bewußte Auseinandersetzen bzw. bewußte Leiden dem Ersatz-Leiden an einem Symptom vor.

Wie sieht nun der unbewußte Grundkonflikt beim Ulcus aus?
Die entscheidende unbewußte Dimension ist ein Mangel an Zuwendung, Angenommen- Sein, Holding und Empathie in der Zeit der Symbiose, bes. im ersten Lebensjahr. Was hier vorliegt, nennt man in der modernen Psychoanalyse "Frühstörung". Wesentlich ist hierbei der früh erlebte Mangel an konstanter emotionaler Zuwendung, mehr aber noch der Mangel an Empathie, an Einfühlung, an wortlosem Verstehen, an dem Gefühl eins zu sein.
Dem entsprechen in der Astrologie die Planeten Mond und Neptun.
Mond spiegelt die emotionale Zuwendung, den Gefühlsaustausch, die erlebte gefühlsmäßige Berührung und Belebung in der Urbeziehung Kind-Mutter. Ebenso gibt er Auskunft, wie sich das Kind gestillt und versorgt gefühlt hat. Hier spielt aber auch noch die Stellung der Venus eine Rolle, die die orale Versorgung (Stillen, Füttern, Essen etc.) mit anzeigt.
Neptun hingegen zeigt die grundlegende Dimension von Einfühlung und Verstehen an, die Fähigkeit, sich in den anderen hineinversetzen zu können, den anderen per Identifikation innerlich zu verstehen, dort wo er sich nicht selbst artikulieren kann. Das im Verstehen Zueinanderpassen, von Balint "fitting together" genannt, ist hier gemeint. Dieses Sich-Verstanden-Fühlen ist der Urgrund der Bildung eines eigenen Selbst und Selbstwertgefühls.

Eine Frühstörung ist also immer in besonderen Stellungen von Mond und Neptun angezeigt. Entweder stehen Mond und Neptun besonders stark, z.B. an Hauptachsen oder gar im Schatten von Hauptachsen, oder sie stehen z.B. in Konjunktion (ev. auch in anderer z.B. roter Aspektierung zueinander) oder die beiden Planeten haben eine "Stress-Aspektierung", also nur rote oder rotgrüne Aspekte. In jedem dieser Fälle ist eine große Liebessehnsucht, eine Suche nach "primärer Liebe" (Balint), nach "fitting together" (Zueinander-passen) im Horoskop angezeigt. Im Hintergrund dieser Sehnsucht steht ein erlebter Mangel an emotionaler Zuwendung bzw. Empathie. Wir haben bei einer solchen Grundstörung (Balint) also eig. nicht mit einem Konflikt im Sinne zweier widerstreitender Kräfte zu tun, sondern mit einer "Mangelkrankheit" (Balint), mit einer seelischen Wunde, die unverheilt ist.
Mit einer solchen Wunde ("Die Wunde des Ungeliebten" nennt es Schellenbaum) läßt sich nun in verschiedener Weise umgehen: Sie kann Menschen kreativ machen und sensitiv auf der Suche nach dem, was Liebe oder fitting together unter Menschen sein kann. Oder sie kann in Sucht ausagiert werden, dann wird ein Suchtstoff als "Pfropfen"(Parin) für die Wunde benutzt oder der Schmerz kann psychosomatisch umgesetzt werden.
Beim Ulcus (Typ A) haben wir damit zu tun, daß betroffene Menschen mit einer solchen Frühstörung alles in ihrer Macht stehende tun, um durch Überkompensation solche Gefühle von Bedürftigkeit oder Sehnsucht zu vermeiden. Im Gegenteil wir erleben nach außen besonders autonom, unabhängig, bedürfnislos auftretende Menschen. Wir haben mit Menschen zu tun die oft Überdurchschnittliches leisten, in besonderer Weise für andere da sind, besonders viel geben.
Nur ab und zu müssen sie mit Ulcus in die Klinik, werden dann (sinnigerweise) mit Milch- und Breidiät ernährt, und jeder Stress wird von ihnen ferngehalten. (eine Therapieform, die sich lange Zeit durchgesetzt hatte).
Diese Überkompensation (Adler) zeigt sich astrologisch oft in starken Saturn-Stellungen: Saturn hat hier mit Zudecken, Überdecken, nach außen gezeigter Härte zu tun. Die meist sehr ausgeprägte Leistungsüberkompensation zeigt sich hingegen in Planeten wie Sonne, Mars, Pluto. Diese stehen oft z.B. in Dreiecken zusammgeschaltet (Leistungsdreiecke (rot) oder auch Begabungsdreiecke (blau) oder auch Konjunktionen an Hauptachsen etc.) oder prägnant im oberen Bereich der Horoskops (9. und 10. Haus, Individuationsbereich).
So haben wir also mit einem weichen, liebesbedürftigen Kern und einer zudeckenden harten Schale, sowie einem durch Leistung überzeugenden Lebensstil zu tun.
Während Härte und Leistung bewußte Charaktereigenschaften sind, zu denen der Betroffene steht und die er für gut befindet (oft tut er ja auch für andere etwas damit), ist die weiche, bedürftige, liebessehnsüchtige Seite meist völlig unbewußt. Diese Kernmotivation, zugedeckt durch die Überkompensation, ist es nun, die sich nur noch in der Sprache des Körpers, psychosomatisch, äußern kann. Der Hunger nach Zuwendung wird ins Körperliche übersetzt in Hunger und Hypersekretion von Magensaft, der dann die eigene Magenschleimhaut angreift. Auf der psychosomatischen Ebene wird ständig "Hunger, Hunger" geschrien, der aber über Stimulierung des Magens und der Magensaftproduktion nicht zu stillen ist, da er sich primär auf die Beziehungsebene bezieht. Deshalb kommt es nach jeder medikamentösen Abheilung oder gar Operation des Magengeschwürs so oft zu Rezidiven, d.h. zum nächsten Geschwür nach ein oder zwei Jahren. Das aktuelle Geschwür wurde zwar zum Abheilen gebracht, aber der unbewußte Konflikt bzw. die unbewußte Emotion wirkt weiter.
Deshalb hat sich in den Langzeitstudien in den USA in den 60iger Jahre klar herausgestellt, daß die kombinierte medizinisch-psychotherapeutische Behandlungsform die weitaus besten Ergebnisse erbracht hat.


5. Beispielhoroskop

Es ist sinnvoll, zunächst die entscheidende Dimension der Liebessehnsucht aufzusuchen, also die Mond- und Neptunstellung zu betrachten.
Neptun steht in der Höchststellung im Horoskop, also am nächsten zum MC, er verkörpert damit das Zielideal in der Individuation.
Er steht im 9. Haus im eingeschlossenen Zeichen Waage. Im 9. Haus bedeutet Neptun die zentrale Frage: Gibt es Liebe, gibt es Einfühlung, gibt es Verstehen? Gleichzeitig verkörpert der hochstehende Neptun die Sehnsucht nach diesem Ideal. Das eingeschlossene Zeichen zeigt aber an, daß diese Ideale eigentlich für unerreichbar gehalten werden. Nur nach langen Prozessen der Klärung, Auseinandersetzung und inneren Entwicklung kann die Qualität dieses Planeten nach außen umgesetzt werden. Lange also währt das schmerzliche Gefühl, auf der inneren Sehnsucht sitzenzubleiben. Demgegenüber steht die Widder-Sonne im 3. Haus eingeschlossen. Die impulsive Sonne ist also ständig mit Anpassungsforderungen konfrontiert. Und sie muß versuchen, sich so angepasst zu verhalten, daß es möglich ist, gemocht, geliebt zu werden, dem Neptunideal zu entsprechen, aber nach Maßgabe der Wertmaßstäbe des Kollektivs (3.Haus). Von der angepaßten Lebensform des 3. Hauses werden die Liebesvorstellungen des hoch oben thronenden Neptuns ohnehin als versponnen betrachtet. Nur der impulsive Widder versucht ab und zu, aus dieser Anpassung auszubrechen, neigt aber dann auch nicht zur Verwirklichung von Neptun-Idealen.
Der Mond in den Fischen (3.Spitze) ergänzt die Neptun-Ideale perfekt. Im Zeichen Fische spiegelt sich ja die Neptun-Qualität, und Mond will auch Kontakt, Beziehung, intensiven Gefühlsaustausch, im Fisch auch sensitives Zueinanderpassen. In Konjunktion mit dem Merkur soll möglichst viel von diesen Idealen und Wünschen der Nähe und des Verschmelzens ausgedrückt, formuliert, auch verbal kommuniziert werden. Das "Liebesgespräch" hat wichtigen Stellenwert. Vom Mond geht ein Sextil zum Mondknoten ins 4.Haus: Die Liebesvorstellungen des Mondes sollen also auch im Haus der Familie, im Rahmen der Familie umgesetzt werden.
Von den Liebesplaneten ist schließlich noch die Venus wichtig: Mit dem Aspekt zum Jupiter handelt es sich eig. um eine sehr sinnliche Venus, die im 5.Haus auch noch Vorstellungen von intensiv gelebter Erotik favorisiert. Aber der lange grüne Aspekt (Quincunx) stellt doch die Frage: wie geht das eigentlich?
Vier Positionen, die intensive Vorstellungen von Aspekten der Liebe ausdrücken, zum Teil auch sehr gegensätzliche. Wie ist das zu vereinheitlichen, zu verwirklichen? Würde es von Anfang an im Leben und ohne Mühe sich ergeben, käme es wohl einem Wunder gleich.
Also ist eher zu erwarten daß sich zunächst ein Zustand von Mangelerleben, von unerfüllter Sehnsucht, von Unerfülltsein einstellt. Dieser erlebte Mangel kann so stark sein, daß er aus dem Bewußtsein verdrängt werden muß, da er zu schmerzlich ist. Also werden die Liebeswünsche und -sehnsüchte abgewehrt und unbewußt.
Gibt es nun auch zur weiteren Abwehr die für die Ulcus-Psychodynamik typische harte Leistungs- und Autonomie-Überkompensation?
Wir finden eine Konjunktion von Saturn, Mars und Pluto im Löwen in 8.Haus.
Saturn im 8. Haus wird Anpassung, Karriere und Aufstieg im Sinne haben, wird die Gesetze des 8. Hauses (z.B. die des Staates) erfüllen. Mars bringt Kraft und Energie dazu, auch Arbeitskraft, letztlich auch die Fähigkeit zu kämpfen. Pluto steuert seine "an Normalzielen nicht erschöpfbare Energie" (Thomas Ring) bei. So entsteht eine Position von Härte und Macht, die sich in der Welt durchzusetzen versteht. Von außen wird man als stark angesehen, als Jemand, an den man sich anlehnen kann, ganz sicher jedenfalls nicht als Person, die sensiblen Liebesidealen nachhängen würde.
Und je mehr sich die harte, erfolgreiche, in der Welt durchsetzende Seite in den Vordergrund schiebt, vielleicht bis man wesentlich mit ihr identifiziert ist, umso mehr tritt die Neptun-Mond-Wunsch-Seite in den Hintergrund, wird schließlich nur noch tief im Unbewußten über die körpersprachliche Ebene ausgedrückt (siehe Mirsky). Dann kann es sein, daß nur noch die Magenschleimhaut vom "Hunger" kündet, der tief im Inneren vorhanden ist. Und schließlich spiegelt sich im Schmerz des Ulcus der Schmerz des Mond-Neptun-Mangels.
So hat sich die aus der Psychosomatik bekannte Psychodynamik umgesetzt.
Würden wir nun eine Reihe von Horoskopen betrachten, die von Ulcus-Patienten kommen, so würden wir in den verschiedensten Varianten immer wieder das Gegeneinander einer solchen weichen Seite (Neptun, Mond etc.) und einer harten Kontroll- bzw. Leistungsseite (Saturn, Mars, Sonne, Pluto etc.) sehen.
Die typische Ulcus-Psychodynamik ließe sich immer nachvollziehen.
Aber immer würde sie sich in komplexen Konstellationen von Planeten und ihren Aspekten zeigen. Einzelpositionen, wie nur eine Zeichenbesetzung (z.b. Jungfrau für Magen) oder ein einzelner Planet, sind nicht relevant genug, eine Psychosomatose anzuzeigen. Denn hier ist eine umfangreiche psychische Dynamik am Wirken, die im allgemeinen mit einem Großteil des Horoskopes zu tun hat, sonst ist nicht die Energie investiert, die intensive psychosomatische Erkrankungen auslösen kann.
Sollten dem geneigten Leser "Ulcus-Horoskope" zugänglich sein, so kann er versuchen, obige Überlegungen nachzuvollziehen. Gleichzeitig sei er gebeten, die Daten an den Autor weiterzugeben. Der astrologischen Forschung kann es nur dienlich sein.

Literatur:
1)Hoffmann, S.O., Hochapfel, G.: Neurosenlehre, Psychotherapeutische und
Psychosomatische Medizin. Schattauer, 1996
2) Loch, W.: Die Krankheitslehre der Psychoanalyse. Hirzel, 1989.
3) Klußmann, R: Psychosomatische Medizin. Springer, 1996.